Bayreuth im Krieg

Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 beginnt, ist Friedrich Freiberger ein knappes Jahr alt. Erinnern kann er sich an die ersten Kriegsjahre nicht. Er lebt bei seinen Großeltern am Altbachplatz, ungefähr dort, wo heute das Rathaus steht. Er sagt: „Wenn ich an meine Kindheit denke, die war sehr ruhig und beschaulich.“ Der Krieg ist weit weg. Im Westen lässt Hitler London bombardieren. Im Osten greift die Wehrmacht die Sowjetunion an.

In Bayreuth, der Gauhauptstadt, bekommen die Menschen das kaum mit. Friedrich Freiberger sagt, es gebe da eine einprägsame Erinnerung. An Menschen, die Spalier stehen, die Heil schreien, die den Arm heben. „Dann ist da ein offener Wagen vorbeigefahren und da ist einer drin gestanden.“ Adolf Hitler. Das hat das Kind später erfahren. Es könnte 1942 gewesen sein. Freiberger war vier Jahre alt. Im Sommer 1942 besucht Hitler zum letzten Mal die Bayreuther Festspiele.

Festspiele, die seit 1940 Kriegsfestspiele sind. Weil mit Kriegsbeginn die zahlungsfähigen, internationalen Gäste fernbleiben, plant Winifred Wagner, die Richard-Wagner-Festspiele einzustellen. Hitler übernimmt. Die Organisation „Kraft durch Freude“ organisiert jetzt zwei kostenlose Tage in Bayreuth für Sondergäste: Rüstungsarbeiter und Soldaten. Die „Gäste des Führers“.

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Zwischen 20.000 und 30.000 Führer-Gäste kommen zu den Festspielen. Noch 1944 gibt es 12 Aufführungen, es werden seit dem Vorjahr nur noch „Die Meistersinger von Nürnberg gegeben“. Weil es die Lieblingsoper von Adolf Hitler ist und weil die Meistersinger als volkstümlich gelten. Etwa 30 Sonderzüge aus dem gesamten Reichsgebiet fahren nach Bayreuth, die Besucher sind alle nach Verdienst ausgewählt.

Am Bahnhof empfängt eine Kapelle des Reichsarbeitsdienstes die Besucher. Die Besucher bekommen einen Einführungsvortrag, werden einquartiert und erhalten Getränkegutscheine. In der Pause der Meistersinger-Aufführung erhalten die Besucher eine Flasche Wein und einen Beutel mit Brot und Wurst.

Erich Mende, damals Offizier und in den 1960er Jahren Vizekanzler der Bundesrepublik, erinnert sich: „Als dann … eine einstündige Pause eintrat, in der jedem Soldaten eine Flasche Wein ausgehändigt wurde und ein Beutel mit Wurst, Brot, Gebäck und Äpfeln, fand sich schließlich nach der Pause kaum noch ein Zehntel der Festspielbesucher im Festspielhaus wieder zusammen. Während sich die Meistersinger bemühten, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, ertönte von draußen von den großen Feierlichkeiten, die sich da bei der Flasche Wein und der Brotzeit entwickelt hatten, immer wieder das Lied „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, nach jedem Dezember kommt wieder ein Mai.“

Bayreuth, das war die angenehme Seite des Krieges: Eine unbeschädigte fränkische Stadt, hilfsbereite Mädchen vom BDM, ein Rahmenprogramm rund um die Aufführungen der Kriegsfestspiele. Nur die verordnete Verdunkelung jeden Abend zeigte den Festspielbesuchern, dass da draußen immer noch Krieg war.

Die Propaganda der Nationalsozialisten verkaufte die Kriegsfestspiele als Zeugnis der „geistigen Wehrkraft“ und der „unerschütterlichen seelischen Ruhe unseres Volkes.“

Die andere Seite des Krieges erleben die Soldaten des Infanterie-Regiments 42. 2000 Bayreuther Soldaten sind in den sechs Kriegsjahren an fast allen europäischen Fronten eingesetzt.

Starten Sie das Video, um zu erfahren, wo das aus Bayreuth stammende Infanterie-Regiment 42 im Zweiten Weltkrieg kämpft.

 

Am ersten Tag des Zweiten Weltkriegs fallen aus den Bayreuther Kompanien neun Soldaten.
Knapp fünf Jahre später ziehen weitere Bayreuther an die Front. Am 25. September 1944 befiehlt Hitler den Volkssturm. Alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren werden herangezogen. Im Gau Bayreuth werden fünf Bataillone aufgestellt. Im Kreis Bayreuth erfasst man 12.400 Volkssturmleute, auf die Stadt entfallen 3726 Männer. Die Männer sollen die auf Berlin vorrückenden Sowjet-Truppen aufhalten.

Am 25. Januar 1945 fährt das Volkssturmbataillon Bayreuth in Richtung Ostfront los. 563 Mann. Die meisten dieser Männer kommen nicht zurück.