Bombardement

Die Menschen, die Krieg und Bombardierung überlebt haben, erzählen oft Geschichten vom Glück und vom Zufall. Eine dieser Geschichten ist die des Soldaten Heinrich Hertlein. Er gehörte dem Infanterie-Regiment 42 an, sollte eigentlich in Russland kämpfen. Dort war er im Dezember 1944 verwundet worden. Im April 1945 ist Hertlein in Bayreuth. Er bildet den Volkssturm aus. Alte Männer und junge Burschen, die die Stadt verteidigen sollen. Die US-Armee steht nur noch knapp 200 Kilometer vor der Stadt.
In seinen Erinnerungen schreibt Heinrich Hertlein: „Zur Ausbildung marschierten wir jeden Tag zweimal auf den Standortübungsplatz. Am 5. April, wir waren gerade auf dem Heimmarsch zum Mittagessen, standen die „Christbäume“ der Flieger über uns. Wir rannten zurück in die Schützengräben und schauten den Bomben zu, die auf die Stadt fielen. Eine sehe ich noch heute deutlich vor mir. Sie traf eine Ecke des Hauses Wahnfried, eine andere ging im Hofgarten nieder.“
Knapp einen Monat vor Kriegsende ist Bayreuth doch noch in Visier der Alliierten geraten. Drei Kriterien geben für die Zielauswahl den Ausschlag:

  • die umfangreichen Gleisanlagen, die Bayreuth zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt machen.
  • die großen Kasernen, die mitten in der Innenstadt und entlang der Ludwig-Thoma-Straße westlich des Röhrensees liegen
  • die kriegswichtigen Produktionen, die ab 1943 in den Baumwollspinnereien untergebracht sind. In der Spinnerei Bayerlein fertigt die Firma Aero Steuerungsanlagen für Messerschmitt Kampfflugzeuge. In der Mechanischen Spinnerei und Weberei ist die Kugellagerproduktion aus Schweinfurt untergekommen. Und in der Neuen Baumwollspinnerei ist das „Institut für physikalische Forschung“ untergebracht, hier werde Steuerelemente für Lenkwaffen entwickelt.

 

Wenn Sie mit der Maus über das Bild fahren, sehen Sie, wo die Bomben eingeschlagen sind.

Mehrmals heulen am Vormittag des 5. April die Sirenen in Bayreuth. Luftalarm. Die Bayreuther unterbrechen ihren Alltag kaum. Bomberstaffeln, die die Stadt überfliegen, gehören mittlerweile zum Kriegsalltag in der Stadt. Aber diesmal fliegt der Bomber-Schwarm nicht weiter. Die erste Angriffswelle geht gegen 10.30 Uhr über der Stadt nieder.

Gunda Karg sitzt damals am Bayreuther Wilhelmsplatz im Schutzkeller. In einem Interview 1985 erzählt sie: „Nein, nein, auf Bomben waren wir nicht gefasst. Wir sind zwar jedes Mal, wie es Vorschrift war, in den Keller gerannt, sobald die Sirenen losheulten. Aber dass es die Stadt, dass unser Haus einmal zerstört werden könnte, nein, daran haben wir nicht geglaubt.“Gunda Karg lebte damals in ihrem Elternhaus am Wilhelmsplatz. Als sie nach dem Angriff wieder aus dem Keller steigt, brennt der Dachstuhl des Hauses.

Dann kommt die zweite Angriffswelle. Eine knappe Stunde ist seit der ersten Bombe vergangen. „Der Angriff war schlimmer als der erste“, erinnert sich Gunda Karg 1985. „Weil viel mehr Sprengbomben bei uns runterkamen.“ Als sie gegen 14 Uhr den Keller wieder verlässt, sind weite Teile des Wilhelmsplatzes nur noch ein Trümmerhaufen. Die Friedrich-von-Schiller-Straße in Richtung Bahnhof ist aufgerissen von Bombentrichtern. Ganze Häuserreihen sind zusammengestürzt.

An diesem 5. April 1945 sterben in Bayreuth 88 Menschen. Am Ende des Tages sind 121 Häuser völlig zerstört, 118 Gebäude erheblich beschädigt und 1678 Menschen obdachlos. Trotzdem hat die Stadt Bayreuth an diesem Tag Glück: 111 US-Bomber sind mit dem Ziel Bayreuth in Südengland gestartet. Wegen eines Navigationsfehlers fliegen aber nur 39 dieser Maschinen Bayreuth an. Die anderen Maschinen werfen ihre tödliche Last knapp 90 Kilometer weiter nördlich ab. In Plauen.

Überstanden hat Bayreuth den Krieg damit nicht. Drei Tage später, am 8. April starten in den Morgenstunden 1200 US-Bomber in England. 51 Maschinen vom Typ B-24 klinken wenige Stunden später 521 Bomben über Bayreuth aus. Zwischen 12.06 Uhr und 12.08 Uhr fallen rund 130 Tonnen Spreng und Brandbomben auf die Stadt.
Das Ziel diesmal: das Kasernenviertel. Eine riesige Rauchsäule steht über dem Süden der Stadt. Ein amerikanischer Fernaufklärer meldet über Funk: „Mindestens 176 Explosionen im Zielgebiet sichtbar.“

Die Soldaten sitzen gerade beim Essen fassen. Bis zu 170 könnten in der Kaserne gestorben sein. Einer, der Glück hat, ist Heinrich Hertlein. Er ist wenige Tage vorher in die Ausbildungskompanie versetzt worden. Und die befindet sich in einem anderen Kasernenblock. „Diese Versetzung rettete mir wahrscheinlich das Leben“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Vor seinem neuen Kompaniegebäude geht eine Bombe nieder. In sein altes Gebäude der Genesendenkompanie schlägt mittig eine Bombe ein. Ein Bekannter hängt tot über dem Treppengelände.

In der Nacht des 10. auf den 11. April kündigt sich dann das nächste Unheil an. Ein britisches Bomberkommando fliegt einen Störangriff auf die Kugellagerwerke in der Spinnerei. Fünf Bomber werfen gegen Mitternacht 400 Kilogramm Brandbomben ab.
Etwa 14 Stunden später kehren die Bomber zurück. Diesmal sind es über 100 Flugzeuge: Lancaster, Halifax, Mosquitos. 14 Minuten brauchen die britischen Bomber um die Stadt in Asche zu legen.

Im Video erzählt Friedrich Freiberger wie er das Bombardement vom 11. April 1945 erlebt hat.

Bei den Bombenangriffen auf Bayreuth sind im April 1945 insgesamt 781 Menschen gestorben.