Befreiung

Karl Ruth liegt am Morgen des 14. April flach auf den Boden gedrückt in einem Graben. Rings um ihn herum pfeifen Schüsse. Ruth, ein ehemaliger politischer Häftling, der in den Wirren der Vortage aus dem Zuchthaus in St. Georgen entkommen ist, ahnt in den Morgenstunden noch nicht, welche Rolle er wenige Stunden später bei der Kapitulation der Stadt Bayreuth spielen wird. Als der Beschuss kurz darauf aufhört, geht Karl Ruth den amerikanischen Truppen entgegen, ungefähr auf Höhe Cottenbach. Der 38-Jährige erklärt, er sei amerikanische Offizier und von den Nazis gefangen genommen worden. Was nicht stimmt: Ruth ist Tscheche und politischer Häftling. Aber das spielt in diesen Minuten keine Rolle. Ruth bietet sich als Vermittler an.

Etwa 24.000 Soldaten rücken an diesem 14. April auf Bayreuth vor. Etwa 80 Panzer und Artillerie stehen auf den Hügeln um Bayreuth. Am Vorabend ist die Stadt durch 155-Milimeter-Geschütze „beregnet worden“, heißt es im Divisionsbericht. Über Bayreuth heißt es dort: „Eine historische Stadt, die sowohl durch ihre jährlichen Festspiele als auch als Geburtsort des berühmten Komponisten Richard Wagner bekannt ist.“ Aber das stimmt nicht. Wagner wurde in Leipzig geboren.

[rev_slider die_befreiung]

 

Trotzdem: Das Land muss die US-Truppen beeindruckt haben. „Die Weiden sind saftig grün, Osterglocken der Löwenzahn blühen blaß gelb.“ So schreibt der Kriegsberichter der 14. US-Panzerdivision über Franken. Die Panzer schieben sich im Frühjahr 1945 durch die Fränkische Schweiz vor.

Von Norden rücken die 71. US-Infanteriedivision und die 11. US-Panzerdivision heran. Sie haben sich in einem Halbkreis von Frankfurt kommend über Meiningen bis Coburg vorgekämpft. Am 11. April nehmen sie Coburg ein. Am 13. April erreichten sie Kulmbach. Den Widerstand, auf den die US-Truppen stoßen, beschreiben sie so: „Eine schmutzige und verwirrte Wehrmacht, eine am Boden gebliebene Luftwaffe, ein alberner Volkssturm, eine fanatische Hitlerjugend und eine teuflische SS.“ Großen Widerstand gibt es nicht mehr.

Trotzdem kommt es fast zur Katastrophe. Denn es gibt den Befehl, Bayreuth zu verteidigen. „Die Stadt Bayreuth wird bis zum Äußersten verteidigt und gehalten“, lautet die Anweisung von General Hagl. Er ist der Bayreuther Kampfkommandant.

Kurz nach Mittag an diesem 14. April 1945. Karl Ruth ist mit einem Jeep und einigen amerikanischen Soldaten in die Stadt gefahren. Sie sollen den Bürgermeister holen, Fritz Kempfler. Als sie zurück sind vor der Stadt, zeigt der kommandierende US-Major dem Bürgermeister die Artillerie. Kempfler solle die Stadt übergeben. „We make Bayreuth flat“, lautet die Alternative. Der Bürgermeister sagt, er sei zur Übergabe bereit, habe aber keine Kommandogewalt.

Wieder fährt Karl Ruth los. Diesmal mit dem Bürgermeister. In St. Johannis fordern die beiden General Hagl zur Kapitulation auf. Der General lehnt ab. Ein Jagdbomber greift den Stadtteil und die Eremitage an. US-Panzer rücken aus Heinersreuth ins Zentrum vor. General Hagl begibt sich in Gefangenschaft.

Um kurz vor 15 Uhr haben die Amerikaner Bayreuth eingenommen.  Als die amerikanischen Soldaten am Nachmittag den Markt erreichen, brennt fast die gesamte Nordhälfte. Die SS hat bereits einige Tage zuvor damit begonnen, Akten im Alten Schloss zu verbrennen. Mehrmals flammt das Feuer wieder auf. Erst als die amerikanischen Pioniere zwei Häuser sprengen lassen, erlöschen die Flammen.

Friedrich Freiberger ist im April 1945 sieben Jahre alt. Er lebt bei seinen Großeltern in einem Haus am Altbachplatz. Das Haus hat die Bombenangriffe fast schadlos überstanden, lediglich ein Riss zieht sich durch die Außenmauern. Friedrich Freiberger erzählt, er erinnere sich noch gut daran, wo er die ersten Amerikaner gesehen habe. Nämlich unmittelbar vor der Graserschule. Kochende Soldaten, die mit einem langen Säbel in einem Topf rührten. „Wir sind da sicherheitshalber erst einmal nicht hingegangen,“ erzählt Freiberger. Und er wisse auch noch, was ihre ersten englischen Worte als Kinder waren: „Chocolate and Chewing Gum“

 

Starten Sie das Video, wenn Sie wissen wollen, wie der Bayreuther Christoph Höreth das Kriegsende fernab seiner Heimatstadt erlebt hat.